Wie Startups wirklich sind
4
Vor einer Weile habe ich Paul Grahams Essay „What Startups Are Really Like“ gelesen. Darin schildert der Mitbegründer von Y Combinator (einer Art Startup Akademie und VC), wie es in den meisten Startups zur Sache geht und dass nicht immer alles spaßig und google-esk ist, wie manche es oft glauben wollen.
Trotz intensiver Vorbereitung, sind viele Gründer völlig davon überrascht, was durch eine Unternehmensgründung alles auf sie zukommt. So müssen einige romantisierte und zuweilen naive Vorstellungen der Einsicht weichen, dass Startups eines ganz und gar nicht sind:
Ein ganz normaler Job.
Graham hat 70 der Gründer, die Y Combinator unterstützt, befragt. Herausgekommen ist dabei dieser Essay. Neunzehn lehrreiche Aspekte, die jedes Startup einkalkulieren sollte.
Zu unserer Freude treffen viele Punkte absolut auf niiu zu. Wir können uns also ruhigen Gewissens „Startup“ nennen. Hier ein paar Beispiele:
–
Startups Take Over Your Life
I didn’t realize I would spend almost every
waking moment either working or thinking
about our startup. You enter a whole
different way of life when it’s your company vs.
working for someone else’s company.
Das können wir nur bestätigen. Startup bedeutet mehr als eine unkonventionelle Arbeitsweise. Es ist eine komplette Lebenseinstellung. Man denkt den ganzen Tag daran, selbst wenn man glaubt etwas anderes zu tun. Die Unterscheidung von Privat- und Berufsleben hebt sich zusehends auf.
Über kurz oder lang wurden auch die niiu Mitarbeiter in diese Parallelwelt gezogen, in der es keine festen Arbeitszeiten, dafür jede Menge durchgearbeitete Nächte, und eine gehörige Portion Zweckoptimismus gibt. Altruistische Arbeitsmotivation, im Startup-Sprech auch „Commitment“ genannt, wurde zum geflügelten Wort.’

–
Be Careful with Cofounders
One thing that surprised me is how the
relationship of startup founders
goes from a friendship to a marriage.
Die Gründung eines Unternehmens bedeutet jede Menge Stress. Das muss eine solche Beziehung erst einmal aushalten. Gründer verbringen die meiste Zeit zusammen und am Anfang besteht das Team aus ihnen selbst. Sie müssen unangenehme Probleme aus der Welt schaffen und die Finanzen klären. Halten sie das aus, wird die Freundschaft schnell zur „Ehe“.
Bei Wanja und Hendrik sind aus Geschäftspartnern ziemlich schnell enge Freunde geworden. Und wie in jeder guten Ehe fliegen auch mal die Fetzen, aber am Ende werden Schwierigkeiten gemeinsam durchgestanden. Wanja motiviert das Team mit unendlichem Optimismus während Hendrik das notwendige Korrektiv bildet, in sämtlichen Belangen, hauptsächlich denen, die Geld kosten.

–
It’s an Emotional Roller-coaster
In a startup, things seem great one moment and
hopeless the next. And by next, I mean a couple
hours later.
Wer es nicht selbst erlebt hat, der glaubt es nicht. Am Tag des Pressegesprächs dachten wir, jetzt könne uns nichts mehr aufhalten. Am nächsten Tag stand dann plötzlich die Druckmaschine wegen Softwareproblemen still. niius konnten nicht gedruckt werden und eine wochenlang geplante Aktion fand nicht statt. Die Stimmung sank in den Keller.
Aber so ist das. Startups schwanken emotional zwischen den Extremen hin und her. Euphorie und Verzweiflung wechseln sich ab. Konstanz kommt eher selten vor.
Und so wird ein Marketingfachmann über die Zeit zum Grafik Design-Autodidakt, Bürokauffrauen zu Kundensupportleiterinnen und eingefleischte Verkäufer zu eloquenten Pressesprechern.
Fazit:
Startups machen unglaublich viel Spaß, da man im Prinzip für sich selbst arbeitet und sich keinem fremden Arbeitgeber unterordnen muss. Die Strukturen können von Grund auf mitgestalten werden.
Aber es bedeutet zugleich große Ungewissheit und kostet viel Zeit und Nerven. Freunde und Bekannte haben selten Verständnis für 12-Stunden-Tage. Wie auch, Startup ist eben kein Job im herkömmlichen Sinne. Erst wer das bereit ist einzusehen, den wird nichts mehr so schnell überraschen.
Was habt ihr bislang für Erfahrungen mit Startups gemacht? Arbeitet ihr selbst in einem? Wir sind gespannt, ob sich einer von euch hier wiederfindet.


Malte schrieb am 15. November 2009 um 20:19
Ich hab es dir ja gessagt, dass die Arbeit mit Startups viel Spaß machen kann und man nirgendwo mehr lernt. Ich selbst kooperiere sehr gern mit Startups, denn ich habe das Gefühl, dass dort alle gemeinsam in eine Richtung wollen. Es ist kein Platz und keine Zeit für Kompetenzgerangel oder Dinge, die den Arbeitsalltag unnötig belasten. Ein schöner Artikel und ich freue mich über niiu.
Marvin Wecke schrieb am 15. November 2009 um 23:46
Hey Malte!
Danke für das Lob. Ich kann mir vor stellen, dass es für Dich als Designer sehr befreiend sein kann, mit Startups an Stelle von Großunternehmen oder Agenturen zu arbeiten. Da wird der “Kreative” schnell mal zum Fließbandarbeiter, der fertige Konzepte nur noch “schön umsetzten” soll.
Schön, dass das bei uns lockerer zuging! Hat mir sehr viel Spaß gemacht.
Torsten schrieb am 11. Dezember 2009 um 14:23
Hi Marvin,
ich finde mich durch deine Worte sehr angesprochen. Startups machen wirklich unglaublich viel Spaß – jedenfalls, wenn man selbst eines gründet. ;-) Und es ist in der Tat so, dass man mit und in Startups oftmals emotional zwischen den Extremen hin und her schwankt. Und in dieser Aussage liegt in meinen Augen in vielen Fällen eine nicht unerhebliche Gefahr – nämlich die, vor lauter Idealismus die Realität zu verdrängen, dass man ein Startup ja nicht nur aus Spaß an der Freude gründet, sondern um Geld damit zu verdienen. Da sich nicht jedes Startup über kurz oder lang monetarisiert, würde ich aus diesem Grund dem Essay noch folgende Aussage hinzufügen: “Don’t ride a dead horse!”
Marvin schrieb am 11. Dezember 2009 um 16:35
Hey Torsten,
danke für die Ergänzung!
Die Frage ist nur, merkt man als Gründer, wann aus Idealismus Zweckoptimismus wird?
Ich glaube die Mehrzahl der Startup-Gründer sind felsenfest von ihrer Idee überzeugt und nur schwer abzubringen.
Bei niiu gab es auch immer wieder Momente, in denen Zweifel auf kamen. Das ist aber normal und im gewissen Maße nur gesund.
Wenn wir aber sehen, wie Probleme gelöst werden und das Produkt immer besser wird, gibt das wieder Aufwind.
Ich denke die Mischung aus Zuversicht und ehrlichem Reflektieren führt langfristig zum Erfolg.